SAID

veröffentlichungen

home vita hörspiele pressestimmen kontakt shop


Wer hat Angst vor Ahmadinedschad?

Offener Brief an den Präsidenten
der Islamischen Republik Iran

von SAID



herr präsident, sie kommen mir vor wie ein ungezogener knabe, der in der weltgeschichte umherirrt und schreit, er sei sehr gefährlich. in seinem hirn bedingen sich die vorstellung einer atombombe (die er gerne hätte) und die steinigung einer frau. wer frauen verachtet, benötigt offenbar auch ein mittel, um allen menschen zu drohen. und sie verraten uns nicht einmal, auf welchem basar sie die ominöse bombe gekauft haben. wozu auch? wer nicht blind ist, denkt an die freie marktwirtschaft – wo man alles kaufen kann.

aber glauben sie im ernst, herr ahmadineschad, die usa fürchten sie?

trotz ihres verbalen antiimperialismus biedern sie sich der amerikanischen großmacht an – als klassenprimus im nahen osten. im irak haben sie sich als vermittler aufgedrängt. zugegeben, ihre düsteren gehilfen haben hierbei mit bombenattentaten ein wenig nachgeholfen. auch in afghanistan wollen sie mit dabei sein, »um eine dauerhafte friedliche lösung« zu erkämpfen. auf kosten eines volkes, das seit jahrzehnten gegen verschiedene usurpatoren kämpft. zu hause behandeln sie die afghanischen flüchtlinge als menschen zweiter klasse. für ihre kinder gilt nicht die allgemeine schulpflicht – um nur ein beispiel zu nennen.

bilden sie sich ein, herr präsident, israel habe angst vor ihnen?

unlängst hat der mossadchef in einem interview erklärt: dieser präsident mobilisiert bei uns die massen. mit ihren tiraden erweisen sie israel einen gefallen und lenken von seiner rigorosen besatzungspolitik ab. nota bene: ihre revolutionsgarden tragen bis heute die israelische handfeuerwaffe uzi. das aber hindert sie nicht daran, diverse terrorgruppen in der arabischen welt großzügig zu unterstützen. dort sind sie auch beliebter als in teheran, wo die lebensmittelpreise rasend steigen.

zittert etwa die siemens ag vor einem herrn ahmadineschad?

sie verkauft doch atomtechnologie an die islamische republik, auf chinesischen schiffen, unter ghanaischen flaggen. überhaupt dieses europa, das in einem fort von menschenrechten plappert und alles verkauft. plötzlich entdecken viele, der minikontinent sei christlich. zu einem zeitpunkt, da papst benedikt XVI., wie vor ihm schon johannes paul II., darüber klagt, daß europa seine christlichen wurzeln verleugne und ignoriere.

eine frau schavan, die schon 2006 mit ihrem pathologischen eifer gegen das kopftuch einen bann brach. ist sie nicht eine gabe gottes für sie und ihre propagandamaschinerie? und das votum der liberalen schweiz für ein minarettverbot. haben sie es nicht mit jubel vernommen? ich bin sicher, herr präsident, daß sie den ersten europäischen politiker, der den islam verbietet, mit der verdienstmedaille ihrer republik auszeichnen würden.

derweil weiten sie ihren terror aus. vor einigen wochen wurde in teheran ein revolutionstribunal eingerichtet – eigens für die fünf millionen auslandsiraner. auch außerhalb der grenzen soll klarheit herrschen. im lande haben sie ja schon wort gehalten, herr präsident, »die presse von antiislamischen elementen zu säubern«. seit juni 2009 sind mehr als 20 zeitungen verboten worden. noch nie war die zensur so allmächtig. sie muß ja auch vielfältig sein. 18 millionen iraner haben zugang zum weltweiten netz, 41 millionen besitzen ein mobiltelefon. ein ärgernis für ihre herrschaft. doch gelobt seien die firmen nokia siemens networks, rohde & schwarz und andere, die mit modernster überwachungs- und sicherheitstechnik ihnen, herr präsident, die kontrolle ermöglichen – mit hermesbürgschaften des deutschen staates.

wirtschaftlich sind sie, herr ahmadineschad, für das land eine geißel.

erst kürzlich und nach vielen mahnungen wachten sie auf und planen nun, die subventionen zu streichen. für benzin, elektrizität, telefon, transportmittel, gas, brot, zucker, mehl, reis, milch, fleisch. sie kosten die staatskasse 80 milliarden euro im jahr. ihre anhänger freilich werden von dieser maßnahme nicht betroffen sein. sie kaufen bei eigenen genossenschaften für revolutionsgardisten, milizen und alle, die gute beziehungen zur regierung haben. leidtragend ist der mittelstand, der ohnehin im aussterben liegt. während eine kleine parasitenschicht dank dubiosen händlertätigkeiten für ihre regierung täglich reicher wird. doch der präsident hat einen anderen ehrgeiz. er verkündet mit viel getöse, binnen der nächsten drei jahre 50 000 koranschulen aufzubauen, während arbeitslosigkeit und inflation in zweistelligen zahlen gemessen werden. über vier millionen menschen sind rauschgiftsüchtig. auf einigen straßen teherans verkauft man heroin billiger als eine schachtel marlboro.

noch nie gab es so viel prostitution wie jetzt. und wer etwas auf sich hält (und guten kontakt zu dem heer der regierungsbeamten hat), geht nicht in ein iranisches bordell – er fliegt nach dubai oder qatar. dennoch – unsere frauen haben sie nie besiegt, herr präsident. trotz kopftuch und sonderrepressalien erobern sie täglich mehr gesellschaftliche macht. 65 prozent aller studierenden sind frauen. allein in teheran gibt es mehr als 100 galerien für malerei und fotografie – die meisten werden von frauen geleitet. ihrer fantasie, geschmeidigkeit und widerstandskraft ist ein herr ahmadineschad nicht gewachsen. selbst in ihren eigenen reihen wächst der widerstand. wiederholt haben abgeordnete ihnen vorgeworfen, sie setzten sich über gesetze hinweg und handelten selbstherrlich. wann schaffen sie das parlament ab, um dann uneingeschränkt zu herrschen? bei ihrem ersten wahlsieg haben sie verkündet: »ich bin die zweite revolution.« das fanal für einen schleichenden putsch.

schon jetzt haben ihre revolutionsgarden alle ministerien und wichtigen ämter in der hand. wollen sie, herr ahmadineschad, die islamische republik abschaffen – zugunsten einer islamischen herrschaft? schämen sie sich nicht, herr präsident, vor der jüdischen gemeinde irans? was glauben sie, welche gefühle sie in diesen menschen auslösen mit ihren tiraden gegen israel? sie müssen sich alle als geisel fühlen, bis sie als »agenten des zionismus« enttarnt werden. seit 3000 jahren sind juden in iran ansässig. die gemeinde unterhält synagogen (allein in teheran 20), koschere schlachtereien, schulen und ein eigenes krankenhaus in der hauptstadt – patienten und belegschaft sind überwiegend muslime.

unter ihrer herrschaft wurden die repressalien gegen die religionsgemeinschaft der bahais schärfer. sie werden festgenommen, der »spionage für israel« sowie der »propaganda gegen die islamische republik« bezichtigt und zu langjährigen gefängnisstrafen verurteilt. kein einziger namhafter schriftsteller, künstler, regisseur, der auf ihrer seite steht. die gefängnisse sind voller kleriker, die sich auf den koran berufen und ihre republik »eine verschwörung gegen gott und die gläubigen« nennen. erinnern sie sich an die demonstrationen gegen ihre wiederwahl? haben sie nicht gezittert, herr ahmadineschad, als verzweifelte menschen aufs dach gestiegen sind und allahu akbar gerufen haben? sie haben gott zu hilfe gerufen. im selben atemzug riefen sie: »tod der diktatur«. oder glauben sie, herr präsident, auch gott zittere vor ihnen?

nun soll die 43-jährige sakineh mohammadi aschtiani gesteinigt werden – wegen ehebruch. sie wird wohl nicht das letzte opfer der islamischen republik sein. den präsidenten kümmert das wenig, wie ihn überhaupt das menschliche leid kaum berührt. denn er verkündet beinah täglich, er glaube an das jüngste gericht als letzte instanz. ich hingegen glaube an die geschichte. sie wird eines tages über diesen präsidenten ein urteil sprechen. sollte ich den tag erleben, hoffe ich, die kraft zu haben, dann für eine amnestie zu plädieren.

Erschienen in der ZEIT, No. 39, am 23. September 2010



[home]
[pressestimmen]  [vita]
[veröffentlichungen]   [hörspiele]
[shop]  [kontakt]